Europa in der Krise

Europa wird von Zweifeln gequält; es geht ihm schlecht. Es hat einen Ruck nötig. Insofern ist die derzeitige Krise heilsam. Sie ruft den Europäern in Erinnerung, dass sie ihre gemeinsame Existenz neu denken müssen. Die Tatsache, dass diese Frage sich ihnen als Europäer stellt, ist für sich allein schon bemerkenswert. Das bedeutet, dass es nunmehr das Gefühl eines geteilten Schicksals und einer kollektiven Verantwortung gibt. Noch hundert Jahre zuvor war nichts weniger evident. (…) Man sagt noch immer gerne, dass Europa aus der Verschmelzung dreier großer unterschiedlicher Traditionen hervorgegangen sei: Athen, Rom und Jerusalem. Sie hätten sich auf wundersame Weise verbunden, verschmolzen und ergänzt, um diese neue und beispiellose Gestalt hervorzubringen: die europäische Kultur. Der Erfolg ist unbestreitbar. (…) Es gilt jedoch festzuhalten, dass diese Sicht auf die Spezifität Europas eine merkwürdige Art von blindem Fleck aufweist. Europa ist nicht im Dreieck Athen-Rom-Jerusalem entstanden, sondern vor allem in einem geographischen Gebiet, das Gallien, die iberische Halbinsel, die britischen Inseln, die germanische und die skandinavische Welt sowie den Osten Europas einschließlich der slawischen Welt umfasst. Nun waren diese Regionen aber Teil dessen, was die Griechen wie die Römer als „Barbaren-Gebiet“ bezeichneten. (…) Das postimperiale Europa hat sich ideologisch betrachtet unter Zurückweisung der Kulturen der Barbaren herausgebildet (…) Der Vorgang, dem die „Barbaren“ ausgesetzt waren, nämlich des eigenen Gedächtnisses beraubt zu werden oder zumindest dessen Legitimität in Frage gestellt zu sehen, ist eine Tatsache, deren Langzeitwirkungen noch nicht genügend ermessen wurden. All dies hat tiefe Wunden geschlagen, und der Prozess der Vernarbung ist vielleicht immer noch nicht abgeschlossen.
Marcel Hénaff, französischer Philosoph und Ethnologe

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